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  • martin1060

Marktanalyse - Kalenderwoche 30/2023

Strategie der US-Notenbank, Inflationserwartungen in den USA und Europa, Anlegerverhalten in den USA, Wo stehen wir im Finanzmarktzyklus?



Chart der Woche


Quelle: Tages Anzeiger, Die EZB erhöht den Leitzins, 27.07.2023


Die Grafik zeigt die Leitzinsen in den USA (dunkelblau), Europa (hellblau) und der Schweiz (rot).

In der letzten Woche haben die US und die europäische Notenbank die Zinsen um weitere 0.25% erhöht. In den USA sind die Leitzinsen nun auf dem höchsten Wert seit 22 Jahren. Die US-Notenbank (FED) hat die Zinsen am schnellsten und stärksten erhöht. Die europäische Notenbank (EZB) war da viel zögerlicher. Sie muss aber auch befürchten, dass, wenn die Zinsen zu stark angehoben werden, die Eurokrise neu ausbricht und Länder wie Italien, Portugal oder Spanien nahe an den Staatsbankrott kommen.

Warum das wichtig ist


Die Leitzinsen sind eine der wichtigsten Einflussgrössen auf die Wirtschaft. Günstige Zinsen führen zu vielen Investitionen und zu einem stärkeren Wachstum, wogegen höhere Zinsen genau das Gegenteil bewirken. Die Zinsen wirken mit einer Verzögerung von 6-12 Monaten auf die Wirtschaft. Das macht die Arbeit der Notenbanken so schwer. Hat die US-Notenbank die Zinsen zu stark angehoben und schlittert die USA daher in eine grosse Rezession?


Quelle: Tages Anzeiger, Die EZB erhöht den Leitzins, 27.07.2023


Die Grafik zeigt das Bruttoinlandprodukt (BIP) der USA und Europa, kaufkraftbereinigt, zu konstanten Preisen, in Billionen Dollar. Das BIP widerspiegelt den Wohlstand des ganzen Landes. In den vergangenen 20 Jahren konnten die USA den Vorsprung massiv ausbauen. Fast alle technischen Innovationen kamen in den vergangenen Jahren aus den USA. Firmen wie Apple, Tesla, Netflix, Amazon oder Google geben den Ton an. Die flexiblere Notenbankpolitik der USA legt die Basis für diese Entwicklung.



Inflationserwartungen in den USA und Europa


Quelle: Isabelnet, 29.07.2023


Die Grafik zeigt, mit welcher Erwartung zu der Inflation die Anleger rechnen. Die Hauptinflation (rot) sollte in den nächsten Monaten stetig sinken. Ca. 2025 sollte sie den von der US-Notenbank definierte Zielwert von 2% erreichen. Die Balken zeigen, aus welchen Bereichen die Inflation kommt. Da die Rohstoff-, Liefer- und Produktionspreise fallen, stammt der grösste Teil der Inflation aus steigenden Mieten (hellblaue Balken) und steigenden Löhnen (graue Balken). Die Lage ist aber sehr fragil. Kühlt sich die US-Wirtschaft nicht wie gewünscht etwas ab, und steigt die Arbeitslosigkeit nicht etwas an, wird dies zu weiter steigenden Löhnen führen. Die dadurch steigende Inflation müsste mit noch höheren Zinsen bekämpft werden. Die Mehrheit der Anleger geht aber nicht davon aus.


Quelle: CME Fedwatch, 29.07.2023


Die Grafik zeigt, mit welchen Leitzinsen die Anleger in den nächsten 12 Treffen der US-Notenbank rechnen. In Blau ist jeweils die höchste Wahrscheinlichkeit markiert. Die meisten Anleger gehen davon aus, dass die Leitzinsen bis im nächsten März auf dem aktuellen Stand von 5.25% bis 5.5% bleiben werden. Im Mai 2024 sollte die erste Zinssenkung erfolgen.

Das heisst jetzt aber nicht, dass Wachstumsfirmen, die auf günstige Kredite angewiesen sind, aufatmen können. Viele der Firmen haben sich für 6-12 Monate verschuldet. Sie wurden bisher von den höheren Zinsen nicht getroffen. Je länger die Zinsen aber auf diesem hohen Niveau bleiben, desto mehr Wachstumsfirmen müssen zu den höheren Zinsen refinanzieren.


Da die Entscheide der US-Notenbank so wichtig sind, wird jedes Mitglied genau analysiert. Dabei werden die Mitglieder in drei Gruppen eingeteilt:

  • Ständig stimmende Mitglieder: Diese sprechen sich grösstenteils ab und stimmen alle gleich wie Jerome Powell der Präsident der Notenbank.

  • Falken: Die nicht ständigen Mitglieder, die sich grösstenteils für eine aggressive Zinspolitik einsetzten. Sie setzten sich aktuell für weiter steigende Zinsen ein.

  • Tauben: Die nicht ständigen Mitglieder, die sich grösstenteils für ein Abwarten einsetzten. Da die Zinsen mit einer Verzögerung von 6-12 Monaten auf die Wirtschaft wirken, sollte man zuwarten, bevor man die Zinsen weiter anzieht.

Quelle: Isabelnet, 27.07.2023


Die Grafik zeigt in welchen Jahren, welche nicht ständigen Mitglieder der US-Notenbank stimmberechtigt sind (markiert mit "v"). In 2024 werden vier Mitglieder die aktuell Stimmrecht haben, ersetzt. Mit Bostic (Atlanta), Daly (San Fransico) und Mester (Cleeveland) kommen drei Vertreter die mehr auf der Seite der Falken sind als ihre Vorgänger. Nur mit Barkin (Richmont) kommt ein Vertreter der etwas mehr auf der Seite der Tauben ist als sein Vorgänger (Kashkarin).

Die Politik der Notenbank könnte also 2024 etwas aggressiver werden und mehr auf die Seite der Falken gehen. Ob also schon im Mai 2024 die erste Zinssenkung kommen wird, und nicht später, muss sich dann erst noch zeigen.


Quelle: Twitter, AndreasStenoLarsen: @AndreasSteno, 28.07.2023


Was die Inflation in Europa angeht, sind die Erwartungen in etwa gleich. Die Produktionskosten (PPI), die ein guter Vorlaufindikator für die Inflation sind (CPI) nehmen stark ab. Auch die EZB wird daher die Zinsen wohl nicht viel weiter anziehen müssen, ausser die Löhne steigen weiter an.



Anlegerverhalten in den USA


Quelle: Isabelnet, 29.07.2023


Die Grafik zeigt die Geldflüsse seit einem Jahr in die einzelnen Sektoren des US-Aktienmarktes. Der Mehrgeldzufluss in den Technologiesektor war und ist immer noch gewaltig. Wogegen der Energiesektor von immer mehr Investoren gemieden wird. Diese Diskrepanz zwischen den beiden Sektoren ist unüblich hoch. Die Geldflüsse aus dem Energie- und Rohstoffsektor scheinen sich etwas zu stabilisieren. Es ist davon auszugehen, dass auch die Mittelzuflüsse in den Technologiesektor bald abnehmen werden.


Quelle: Isabelnet, 29.07.2023


Die Grafik zeigt die Durchschnittsrendite der Firmen bei der Bekanntgabe der Quartalsresultate, am nächsten Tag an der Börse. Firmen, die Positiv überraschen (dunkelblau) werden zwar belohnt, aber Firmen, die enttäuschen, werden massiv abgestraft.

Viele Anleger versuchen immer die besten Aktien in ihr Portfolio aufzunehmen, die grossen Gewinner. Langfristig die bessere Taktik ist aber nicht auf die Gewinner fokussiert zu sein, sondern die Verlierer zu vermeiden. Das führt auch dazu, dass man nicht blind jedem Trend nachrennt und meist zu spät ist. Eine solche Taktik führt zu stabileren und höheren Erträgen.


Sich von Trends und der Mehrheit leiten zu lassen, sorgt immer wieder dafür, dass Prinzipien über Bord geworfen werden. Am schlimmsten ist dabei, wenn der Kollege, den man gut kennt, mit dem Trend viel Geld verdient hat. Dann vergessen viele jedes Risikoprinzip, das sie sonst konsequent verfolgen.

Aktuell herrscht an den Börsen eine grosse Sorglosigkeit. Es scheint, die Notenbanken hätten alles im Griff wie nie zuvor. Das liegt daran, dass die erwartete Rezession einfach nicht kommen will. Man liest bereits die Schlagzeilen "Die Rezession ist abgesagt".

Quelle: Twitter, Macro Charts, @MacroCharts, 28.07.2023


Die Grafik versinnbildlicht diese Sorglosigkeit. Sie zeigt die Kosten, die ein Anleger zahlen muss, wenn er sein Portfolio über ein Jahr gegen sinkende Kurse (mit Put-Optionen) absichert. Diese Kosten sind so tief wie nie in den vergangenen 15 Jahren.

Einer der wichtigsten Einflussgrössen auf die Prämie von Optionen ist die Volatilität; also sehr geringe Schwankungen der Preise. Anlageprofis sehen dies als Warnsignal.


Wo stehen wir im Finanzmarktzyklus


Quelle: Isabelnet, 23.02.2023


Die Grafik zeigt die vier Phasen in einem über Jahre dauernden Finanzmarktzyklus. Wir denken, dass wir uns seit Monaten in der vierten Phase befinden. Die Anleger fokussieren sich auf Qualitätsfirmen mit einem über Jahren bewährten Geschäftsmodell und stabilen Erträgen. Da einige davon ausgehen, dass es keine Rezession mehr geben wird, respektive diese schon vorüber ist, stellt sich die Frage, ob wir nun bereits in die Phase eins des Zyklus übergehen. Also ob es jetzt an der Zeit ist von grosskapitalisierten Titel (Large Cap) auf Aktien von kleinen Firmen zu wechseln (Small Cap).


Quelle: Isabelnet, 26.07.2023


Die Grafik zeigt die Anzahl von long-Futures-Positionen (grüne Balken) im S&P 500, also dem Index für ganz grosse Firmen. Die Anzahl ist im positiven Bereich und weiter zunehmend. Das heisst, die Anleger setzten nach wie vor auf dieses Segment. Auch ist die Höhe aller Long-Positionen noch unter dem Level von 2021, bevor es zur Trendwende kam.

Quelle: Isabelnet, 26.07.2023


Die Grafik zeigt die Anzahl von long-Futures-Positionen (grüne Balken) im Russell 2000, dem bekanntesten Index für kleine Firmen in den USA (Small und Mid Caps). In dunkelblau ist der Kursverlauf des Index zu sehen. Es zeichnet sich eine Stabilisierung der Kurse ab, aber ob wir hier schon die Trendwende sehen, ist fraglich. Positiv ist auf jeden Fall, dass sich die Anzahl der Short-Positionen in den Futures (grüne Balken im negativen Bereich) aufgelöst hat.


Aus unserer Sicht bleiben wir nach wie vor in der vierten Phase (Downturn). Für einen Übergang in die Phase eins ist es noch zu früh.



Auch Marmot geht in die Ferien


Meist ist in den Sommermonaten an den Märkten nicht viel los. Die Volumen sind gering und die Notenbanken, treffen sich erst wieder im September. Auch wir nutzen diese Zeit, um eine Pause zu machen. In den nächsten 2-3 Wochen melden wir uns nur, falls der Ausblick auf die Märkte fundamental ändert.





Zusätzliche Bildquellen: Anfangsgrafik Designed by Freepik


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