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  • martin1060

Marktanalyse - Kalenderwoche 21/2023

Nur Verlierer im Schuldenstreit in den USA, Zinsen könnten weiter ansteigen.





Chart der Woche

Quelle: stock3, 26.05.2023


Die Grafik zeigt zwei Inflationsmessgrössen der USA jeweils in der bereinigten und unbereinigten Version. In Blau wird die offizielle Inflationsrate (CPI, Consumer Price Index) gezeigt. Da die Energie- und Lebensmittelpreise oft sehr stark schwanken wird neben der offiziellen Inflation (dunkelblau) und die Haupt-Inflation (core CPI, hellblau) angezeigt. In Gelb werden die privaten Konsumausgaben angezeigt. Die Inflationsrate wird mit einem Korb von Waren und Dienstleistungen berechnet. In Zeiten der Inflation werden die Konsumenten gewisse Dinge nicht mehr kaufen und Investitionen aufschieben. Die Konsumausgaben zeigen also an, welche Mehrkosten effektiv die Haushalte belasten.



Warum das wichtig ist


Vergangene Woche wurde die Steigerung der Konsumausgaben für den Monat April in den USA veröffentlicht. Es wurde mit einem gleichbleibenden Wert von 4.6 wie im Vormonat gerechnet. Die Zahl, die publiziert wurde, war aber 4.7%, also leicht höher. Die Inflation bzw. Konsumausgaben nehmen also weiter zu.

Aktuell ist der PCI wichtiger als der CPI. Die US-Notenbank FED hat bisher bei allen Zinserhöhungen meist mit einer Zunahme des PCI argumentiert. Dies ist also die bevorzugte Grösse der Entscheidträger.


CME Group, FED Watch tool, 27.05.2023


Die Grafik zeigt auf, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Marktteilnehmer mit einer Zinserhöhung auf 5.25-5.5% am 14. Juni rechnen. Am 14. Juni ist das nächste Treffen der US Notenbank.

Noch vor einer Woche haben 82% mit gleichbleibenden Zinsen gerechnet. Die Publikation des PCI von letzter Woche hat alles verändert. Nun rechnen 64% mit einer weiteren Zinserhöhung von 0.25%. Das dürfte vorwiegend die Bankenkrise weiter anheizen und die Wachstumstitel, die stark von Krediten abhängen, treffen.



Nur Verlierer im Schuldenstreit in den USA


Die guten Informationen zuerst. Am Samstag wurde bekannt, dass sich Präsident Biden und Kevin McCarthy der Sprecher des U.S. Repräsentantenhaus auf einen Deal geeinigt haben. Am Mittwoch werden beide Kammern des Parlaments über den Deal abstimmen.

Präsident Biden muss jetzt seine Demokraten und dabei vorwiegend den ganz linken Flügel von dem Deal überzeugen. Vor einer wesentlich schwereren Aufgabe steht Kevin McCarthy, er muss den rechten Flügel der Republikaner, den Freedom Caucus überzeugen. Der Gruppe gehören 35-45 Angeordnete an, die alle unter starkem Einfluss von Donald Trump stehen.

Eine Einigung ist also noch nicht sicher.


Aber worum geht es überhaupt?


Quelle: stock3, Eine Gnadenfrist für die Märkte, 27.05.2023


Die Grafik zeigt die stetige Zunahme der US-Staatsverschuldung an. Das Parlament legt die maximal mögliche Staatsverschuldung fest. Diese Grenze liegt aktuell bei USD 31 Billionen.

1970 betrugen die Schulden 35% des US-Bruttosozialproduktes, jetzt sind es 129%. Noch im vergangenen Jahr musste die US ca. 5% des Bruttosozialproduktes für Schuldzinsen ausgeben. Aufgrund der generell höheren Zinsen kann dies nun auf bis zu 10% steigen.


Diese zwei Vergleiche helfen, um die Zahlen besser zu verstehen:

  • Die ganze Staatsverschuldung in 1 USD-Scheinen hätte eine Höhe von ca, 11km. Das ist in etwa die Höhe, in der Linienflugzeuge fliegen.

  • Die USA sind aktuell in dergleichen Lage, wie eine Privatperson, die auf dem Konto USD 1000 hat, aber Schulden von USD 524'000.

Am vergangenen Donnerstag hat die US-Finanzministerin Janet Yellen, dem Sprecher des U.S. Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy einen Brief mit dem folgenden Inhalt geschickt:


"Wir werden in den ersten zwei Tagen des Juni mehr als 130 Milliarden Dollar an geplanten Zahlungen leisten, einschliesslich Zahlungen an Veteranen und Empfänger von Sozialversicherungen und Medicare. Diese Zahlungen werden das Finanzministerium mit einem extrem niedrigen Stand an Ressourcen zurücklassen. In der Woche vom 5. Juni plant das Finanzministerium geschätzte Zahlungen und Überweisungen in Höhe von 92 Milliarden Dollar, einschliesslich einer regelmäßig geplanten vierteljährlichen Anpassung, die zu einer Investition in die Sozialversicherungs- und Medicare-Vertrauensfonds von etwa 36 Milliarden Dollar führen würde. Daher wären unsere prognostizierten Ressourcen unzureichend, um all diesen Verpflichtungen nachzukommen."


Mit anderen Worten, ab dem 5. Juni reichen die Mittel der US-Regierung nicht mehr aus, um alle Zahlungen zu leisten. Es könne dann nur noch die Einnahmen aus den Steuern verwendet werden.

Ab dem 5. Juni muss die US-Regierung Prioritäten setzen, wer was bekommt. 2011 gab es bereits einen solchen Fall. Damals wurden als Erstes die nicht zentralen Regierungseinrichten geschlossen und die Beamten in Zwangsferien geschickt. Das waren zum Beispiel alle Rangers (Schliessung der Naturparks) oder Planungsbehörden (keine Baubewilligungen mehr).

Auf jeden Fall wird erwartet, dass die US-Regierung dann die Zinszahlungen für ihre Schulden einstellen wird.


Die US-Regierung hat eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, wie negativ sich ein Zahlungsausfall in den USA auf die Wirtschaft auswirken würde. "Brinkmanship" bezeichnet die aktuelle Situation, eine noch mögliche Lösung in letzter Sekunde. Ein Zahlungsausfall von weniger als drei Monaten (kurze Dauer) hätte nur eine geringe Auswirkung. Würde der Zahlungsausfall länger andauern (protracted default), wären die Auswirkungen massiv. Das Bruttosozialprodukt (BSP) könnte um über 6% sinken.


Natürlich sind diese Zahlen mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen. Die Regierung, die von den Demokraten geführt wird, ist derzeit daran interessiert, die Situation zu dramatisieren, um die Republikaner zu einem Kompromiss zu zwingen.


Sollten die USA ihren Anleiheverpflichtungen nicht nachkommen, wird dies zum Staatsbankrott führen, was seit der Gründung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 nicht mehr der Fall war. Aufgrund der zentralen Rolle, die US-Staatsanleihen im globalen Finanzsystem spielen, könnten die Folgen katastrophal sein. Beispielsweise halten viele Zentralbanken einen grossen Teil ihrer Devisenreserven in Form von US-Staatsanleihen. Viele Geschäftsbanken und Versicherungsunternehmen auf der ganzen Welt halten ebenfalls US-Staatsanleihen. US-Staatsanleihen gelten als eine der sichersten Anlagen der Welt, da sie auf der Glaubwürdigkeit der US-Regierung basieren und ein Zahlungsausfall der USA bisher als undenkbar galt.


Es gibt bei einem solchen Szenario nur Verlierer:

  • Staat: Verschiedene Ratingagenturen haben die USA bereits mit dem Ausblick "Watch" versehen. Eine Herabstufung der Schuldnerqualität ist möglich. Das könnte erhebliche Mehrkosten bei den Schuldzinsen über Jahre hinweg zur Folge haben.

  • Politik: Das Ansehen der Politiker würde massiv abnehmen. Der normale Bürger versteht den Streit nicht, insbesondere alle Empfänger von direkter Unterstützung wie Rentner und Veteranen.

  • Bürger: Es drohen massive Einschnitte bei den staatlichen Ausgaben. Renten, Sozialausgaben, Medicare-Ausgaben könnten stark sinken (das ist der Hauptvorschlag der Republikaner).

  • Firmen: Staatliche Aufträge würden storniert. Die Energiewende könnte massiv verzögert werden. Das führt bei vielen Firmen zu Ertragsausfällen.

Eine Lehre von 2011 ist auch noch interessant. Die Wähler machen nicht den amtierenden Präsidenten für die Lage verantwortlich (der will ja zahlen), sondern die Partei, die die Auszahlungen verhindert (also die Republikaner). Der "Freedom Cusacus" muss sich also genau überlegen, wie stark er die Lage eskalieren lassen will, um nicht einen möglichen Sieg als Präsident von Trump oder De Santis im nächsten Jahr zu torpedieren.


Quelle: YouTube, Hoss, 27.05.2023, Zeitstempel 17:48


Die Grafik zeigt, wie sich 2011, als wir eine ähnliche Situation hatten, die einzelnen Anlageklassen verhalten haben.

Gold ist der klare Gewinner. Es ist zu erwarten, dass auch der Bitcoin in einem solchen Szenario zulegen würde. Viele amerikanische Anleger und Pensionskassen sind gezwungen, in US-Staatsanleihen anzulegen. Sie verkaufen die kurzfristigen Anleihen und kaufen die langfristigste, die es gibt, die 30-jähre Staatsanleihe. Darum legen auch diese langfristigen Anleihen an Wert zu.


Es bleibt zu hoffen, dass uns ein solches Szenario erspart wird. Die Abstimmung am Mittwoch in beiden Kammern des US-Parlaments wird eine der wichtigsten Abstimmungen in diesem Jahr sein.



Zusätzliche Bildquellen: Anfangsgrafik Designed by Freepik


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